Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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La Cala de Mijas

Fianna und Hedda am Strand

Mittwoch, 2.2.2022

Der 2. Februar beginnt für uns um 9 Uhr bei wolkenlosen 11 °C.  

Heute ist Markt, aber noch tut sich nicht viel auf der großen, leergeräumten Fläche. Erst während wir frühstücken, beginnt es geschäftig zu werden, und innerhalb einer guten halben Stunde steht der Markt und ist betriebsbereit. Dass wir einen Bummel über den Markt machen, steht außer Frage. Wir lernen dabei, dass ein spanischer Markt nichts mit einem französischen zu tun hat, wo es alles, aber wirklich alles gibt, vom Schnürsenkel bis zum Hummer und den Essensständen. In Spanien sind nur Klamotten und Lederwaren aller Art erlaubt, Schnickschnack, Haushaltsutensilien, derzeit – der große Renner – auch Covid-Masken in jedem erdenklichen Design, dazu Gewürze, Obst und Gemüse. Fleisch, Wurst und Käse gibt es aus hygienischen Gründen nur in Markthallen. Jetzt wissen wir auch, dass der Markt in Oliva, was das angeht, nicht schon verlaufen, sondern nie vorhanden war. Deswegen mussten wir in die Markthalle, um ein bisschen Schinken und Käse zu bekommen. Gelegentlich reibt man sich in diesem Europa schon die Augen: so viele Länder, so viele Sitten und Unsitten.  

Spontan verliebt sich die Reiseführerin in einen wolligen Fummel, es ist ja noch kalt hier, mitten im Winter, und der Chronist ermuntert sie von Herzen, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Dazu kommt noch einige Stände weiter ein sehr leichtes Fümmelchen, falls der Winter doch noch zu Ende gehen sollte. Als Mann weiß man, was einem lieb und teuer zu sein hat, in unserem Fall beläuft sich die Lieb-und-Teuerschaft, zusammen mit dem Richelieu-Mantel aus Aigues-Mortes, auf 450 €. Es hat schon einen tieferen Sinn, dass im Englischen lieb und teuer mit einem einzigen Begriff belegt sind: dear. Wenn ein Mann demnach seiner Angebeteten „My dear" ins Ohr flüstert, weiß sie nie genau, was er ihr damit sagen will, meine Liebe oder mein Ruin. Sie wird es vermutlich anders interpretieren als er.  

Wir kaufen noch Gewürze, eine Handvoll Designer-Masken, etwas Obst und Gemüse und tragen unsere Beute stolz nach Hause. Um 14 Uhr ist der Markt weg, als ob es ihn nie gegeben hätte. Und ganz langsam wird der Platz wieder von Wohnmobilen okkupiert.  

Um 12 Uhr geht die Liebteuere mit ihren mehr Lieben als Teueren zum Strand. Es hat 19 °C und es weht eine leichte Brise. Als sie zurück ist, flitzt sie gleich wieder los, nur über die Autobahn hinüber, wo in den Palmen eine größere Bande von Mönchsittichen spektakelt, um sie zu fotografieren. Diese lustigen, grünen, aber lauten Gesellen haben sich in vielen Städten Europas eingenistet und sind selten gern gesehen, weil sie nicht nur laut sind, sondern alles kurz und kleinschnabeln, was ihnen zum Nestbau nutzbar scheint. Mönchssittiche sind die einzigen Sittiche, die ein Nest bauen, und somit sind sie ständig auf der Suche nach geeignetem Material. Ihnen ist nichts heilig und sie machen vor nichts Halt. In Madrid sollen schon über 5000 Paare brüten, in Spanien sind sie nahezu in allen größeren Orten vertreten, aber auch in Deutschland fühlen sie sich inzwischen wohl, etwa in Köln, Düsseldorf oder Mannheim, also überall wo ihnen ein geschütztes Klima und der Klimawandel ein kuscheliges Überleben ermöglicht.  

Nachmittags, als wir uns einen Kaffee machen, hat es zwar 19 °C, aber unter den Bäumen ist es selbst im Franz ziemlich schattig, weil der Wind den Spielverderber gibt.  

Um 18 Uhr steht dann Sanne wieder vor der Tür, um uns zu sich abzuholen. Hoch geht es, hinauf nach Mijas, nach Puebla Aida, wo die beiden residieren. Und wie sie hier residieren! Vor über 20 Jahren waren wir schon einmal hier, aber natürlich verblasst die Erinnerung über all die Jahre. Diese urbanización ist kein protzig und lieblos hinbetoniertes Ausländer-Ghetto, sondern geschmackvoll, der Landschaft und der Wohnkultur ein- und angepasst. Vieles lehnt sich an die alte maurische Architektur an, eng und verwinkelt, fast ineinander verschlungen, schmiegen sich die Häuser den Berg hinauf aneinander und trotzen so der Sommerhitze. Von ihrem Freisitz haben die beiden nicht nur einen faszinierenden Blick auf diese Siedlung, die von oben wie ein arabischer Suq anmutet, sondern können bis hinunter aufs Meer blicken. Wenn sie jemals in ihrem Leben etwas richtig gemacht haben, dann mit dem Kauf dieses kleinen Anwesens.  

Wir haben nicht vor, hier zusammen den Abend zu verbringen, nur die Einstimmung und der Aperitif soll hier stattfinden. Anschließend marschieren wir noch etwa fünf Minuten den Hang hinauf zu Zia Lola, einem italienischen Lokal, das vor Jahren von Lola zu einer Goldgrube gemacht wurde. Warum? Weil man auch dort, wo man meint, der touristischen Laufkundschaft Drittklassiges anbieten zu können, mit Qualität das Rennen macht. Lola spricht mehrere Sprachen und kocht nicht nur italienisch auf hohem Niveau, sondern kommt auch mit anderen Genüssen bestens klar. Und so verbringen wir bereits den dritten Abend in Folge im Schlaraffenschlemmerland und kommen zu dem Schluss, dass es zwar gerne so weitergehen könne, aber so nicht weitergehen darf.  

Wir lassen uns ein Taxi kommen, weil auch Sanne und Mick nicht bei Wasser geblieben sind und wir ihnen auch nicht zumuten müssen, den Berg noch einmal hinunter und anschließend wieder hinaufzukurven. Wer beim Schlemmen freizügig sein kann, sollte nicht anschließend den Beutel zuhalten. Als wir uns vor dem Taxi verabschieden, liegen wir uns so warm und herzlich in den Armen, als hätten wir uns gerade frisch verliebt. Das sicher nicht, aber neu verliebt wahrscheinlich schon. Blut sei dicker als Wasser, sagt man, aber noch dicker ist eine dicht verwobene Vergangenheit, ein Knüpfwerk an Gemeinsamkeiten, das selbst Alexander nicht zerschlagen kann. Da hat die Intrigantin und Depeschensenderin, die meist unscheinbar als Reiseleiterin oder Mechanixe verkleidet auftritt, ganze Arbeit geleistet.  

Wenn bei Shakespeare der Geist des gemeuchelten Cäsar zu Brutus sagt: „Bei Philippi sehen wir uns wieder", ist das die Androhung von Rache und die Andeutung des nahen Todes. Wir versprechen uns: In München sehen wir uns wieder, ganz ohne es als Drohung zu empfinden.  

Córdoba
La Cala de Mijas